60 Jahre Bogensport - Bogensport in Könitz

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60 Jahre Bogensport in Könitz
Ein Bericht von Bernhard Möslein
Der Bogensportplatz bis auf weiteres geschlossen und die Nutzung untersagt, die Ausrichtung der Landesmeisterschaft Mitte Juli vakant - die Rahmenbedingungen für das Jubiläum „60 Jahre Bogenschießen in Könitz“ hätten angenehmer sein können. So bleibt den Schützen des SV Stahl Unterwellenborn wie allen anderen Sportlern auch nichts weiter übrig, als mit Trockenübungen und Konditionstraining nicht gänzlich außer Form zu kommen. Die drei Kaderschützen Michelle Treuner (Schüler), Helene Jakubowski (Landeskader) und Raphael Schier im nationalen Nachwuchskader haben dafür von der Landestrainerin detaillierte Trainingspläne bekommen. Aber keine Frage – das „richtige“, gemeinsame Training unter Anleitung und vor allem die Wettkämpfe fehlen.
Mit den jetzigen Kaderathleten als Ergebnis kontinuierlicher Nachwuchsarbeit wird die vielleicht wichtigste Säule des Vereins fortgeschrieben. Das war in den ersten Jahren der genau am 20. Oktober 1960 gegründeten Sektion der BSG Stahl Maxhütte der Verdienst von Ruth und Hans Drechsel. Vereinsgründungsmitglied Jürgen Todtenhöfer (damals 12 Jahre) wurde bereits 1962 DDR-Jugendmeister, feierte 1966 den DDR-Meistertitel der Männer und startete ein Jahr darauf in Holland bei der WM – bis 2003 als einziger Könitzer.

Wie kam überhaupt das Bogenschießen in die Handball- und Turnhochburg Könitz? „Die Idee dazu hatten Hans Drechsel und Harry Leuthäuser, die das 1959 einfach mal ausprobieren wollten“, erinnert sich Todtenhöfer. „Als Scheiben dienten alte Pappen, die verklebt und mit einer Tür mit Mehlsäcken drauf gepresst wurden. Der Hans hat sie dann auf Maß geschnitten. Die Dinger haben wir dann an Pfosten angebunden. Ja, so war das damals.“

Viele weitere DDR-Meistertitel des Nachwuchses waren Lohn für die unzähligen Übungsstunden der Drechsels. Ja, sogar die Olympiateilnahme eines Vereinsmitglieds wäre in den 70er und 80er Jahren durchaus drin gewesen. „Wir hätten gekonnt, durften aber nicht“, so „Todte“, der gemeinsam mit Ehefrau Gisela 1977 die Sektionsleistung übernahm und rund 40 Jahre die Geschicke der Vereinsabteilung im SV Stahl Unterwellenborn leitete. Bis zur Wendezeit waren die „Kientzer“ neben Berlin und Schlema ein Leistungszentrum des DDR-Bogensports. 1987 nahm mit Gabi Möslein eine erfolgreiche Schützin und DHfK-Absolventin mit Fachrichtung Schießsport die Trainingsarbeit im Verein auf und ist als solche bis heute tätig.
Die Erfolge der Nach-Wendezeit sind vor allem mit der Compoundbogen-Mannschaft der Damen verbunden. Das Team mit Andrea Weihe, Bianca Pfeifer, Ramona Wagner und Erika Rakel holte mehrfach Gold bei der DM. Andrea Weihe als oftmalige Deutsche Meisterin schoss zehn Jahre im Nationalteam, war bei WM, EM und Weltcups vorn dabei. Größte Erfolge waren WM-Bronze 2003 bei der WM in New York und zum Abschluss ihrer internationalen Laufbahn 2012 in Amsterdam der EM-Titel mit dem Team.

Im Nachwuchsbereich schaffte Markus Wachsmuth 2008 die Teilnahme an der Junioren-WM. Mit Maria Dietrich, Hendrik Töpfer und Markus delegierte der Verein bislang drei Schützen an das Sportgymnasium. Die Medaillenvergabe im Land ging und geht nach wie vor nur über den SV Stahl. Mit mehreren Schüler A- und Jugendteams wurden auch bei den Deutschen Meisterschaften Medaillen errungen.
Die Ausrichtung von Turnieren hat in Könitz eine lange Tradition. Der erste große Wettkampf war 1975 die DDR-Meisterschaft der Damen und Herren, da hatte auch das große Stahldach Premiere. Es folgten ungezählte Turniere und Meisterschaften auf der Bogensportanlage mit dem Internationalen Turnier der sozialistischen Länder 1988 als bleibende Besonderheit. Quasi eine „Außenstelle“ der Könitzer ist die Sportschule Bad Blankenburg, wo bereits dreimal die Hallen-DM des Deutschen Schützenbundes für ca. 600 Starter ausgerichtet wurde und die Thüringer Hallenmeisterschaften nicht mehr wegzudenken sind.

Drittes Standbein des Vereins neben Hallen- und Freiluftturnieren ist das 3D-Feldbogenturnier im Herbst, das seit vielen Jahren 150-200 Starter in das Buchholz lockt und für dessen Vorbereitung die Junioren mehr und mehr Arbeit übernommen haben. Ein Verein, der in jedem Jahr mehrere große Turniere in ganz unterschiedlichen Bogendisziplinen veranstaltet, ist in Deutschland ganz selten. Könitz ist als verlässlicher Ausrichter geschätzt, die Scheibenanlage bei jedem Turnier garantiert in einem hervorragenden Zustand. Ein Verdienst vor allem von Steffen Pfeifer, der im Verein für die Materialbeschaffung verantwortlich und auch als Trainer tätig ist. Besonders sein Fachwissen in puncto Materialabstimmung ist im wahrsten Sinne des Wortes „Gold“ wert, denn nur so sind Topleistungen möglich.
Veränderte Bedingungen verlangen manchmal den Bruch mit Traditionen. So wurde 2016 das Gemeindepokalturnier nach der 34. Auflage durch das 10er-Turnier mit einem völlig anderen Modus ersetzt. Eine Vorreiterrolle spielte der SV Stahl bei der Einführung der Thüringer Landesliga, die in der Halle seit der Saison 2015/16 ausgetragen wird und aus dem Turnierkalender nicht mehr wegzudenken ist.

Ein Wunsch des Vereins zum 50jährigen Jubiläum war, dass sich die Trainingsbedingungen während der Hallensaison verbessern. Mit dem Bau des Gemeindesportzentrums Unterwellenborn können nun 12-15 Schützen gleichzeitig unter besten Bedingungen trainieren.

Die Vereinsführung versucht, Aufgaben im 80 Mitglieder zählenden Verein zu verteilen und auch die Eltern der Nachwuchsschützen mit einzubinden. So wurden eine Schwarzatal-Radtour und die traditionelle Wanderung am Reformationstag – zuletzt an die Alterbucht – sehr gut angenommen. Aber natürlich müssen einige Dinge wie die Turniervorbereitungen und die Mitgliederverwaltung von einer Person koordiniert werden, was Bianca Pfeifer seit vielen Jahren mit norddeutscher Gelassenheit und hohem Zeitaufwand bewerkstelligt. Sie hofft, dass die Jubiläumsfahrt im September in den Harz hoffentlich nicht der Corona-Krise zum Opfer fällt.
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