1959 bis 1969 - Bogensport in Könitz

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1959 bis 1969

Unsere Chronik

Die Jahre 1959 bis 1969

Die Anfänge - mit Eschebogen und selbstgebauten Federn

Bild 1

1960 – Die Gründungsmitglieder: Günther Wagner, Harry Leuthäuser,
           Ruth und Hans
Drechsel, Jochen Körner, Jürgen Todtenhöfer;
           es fehlt Winfried Stanek

Wie kommt überhaupt das Bogenschiessen in eine Handball- und Turnhochburg wie Könitz? „Die Idee dazu hatten Hans Drechsel und Harry Leuthäuser, die das 1959 einfach mal ausprobieren wollten“, erinnert sich Jürgen Todtenhöfer. „Dazu kam dann als Dritter der Bäcker Jochen Körner. Als Scheiben dienten alte Pappen, die verklebt und mit einer Tür mit Mehlsäcken drauf gepresst wurden. Der Hans hat sie dann auf Maß geschnitten. Die Dinger haben wir dann an Pfosten angebunden. Ja, so war das damals.“ Im Jahr darauf, genau am 20. Oktober 1960 wurde in der Bergschlossbrauerei in einer Sitzung der BSG Stahl Maxhütte die damals kleinste Sektion gegründet. Sieben Sportfreunde zählte die Abteilung damals, neben den oben bereits genannten Sportfreunden zählten Günther Wagner, Ruth Drechsel und Winfried Stanek zu den Gründungsmitgliedern. (Bild 1)

Von den Pionieren des Sports in Könitz ist heute nur noch der damals 12-jährige Jürgen Todtenhöfer aber dafür vielseitig aktiv: Als Schütze, als Bogenreferent im Thüringer Schützenbund, als Vorsitzender der Bogenabteilung des SV Stahl Unterwellenborn und vor allem als Material-„Spezi“, der aus diesem Hobby später mit einer Bogensport-Firma seine(n) Beruf(ung) machen konnte.





„Die technischen Hilfsmittel waren damals mehr als bescheiden, einzige Anleitung war eine kleine tschechische Broschüre. Keiner verstand die Sprache, aber alle sahen die Bilder“, erzählt Jürgen Todtenhöfer weiter von den Anfängen. „Geschossen haben wir damals mit einfachen Eschebögen und Holzpfeilen, da waren 30m Entfernung schon ein hartes Brot. Erst 1962 kamen die ersten Bögen aus Fiberglas auf, die schon etwas genauer waren. Für die Befiederung der Pfeile haben wir damals Truthahn- oder Gänsefedern gesammelt, Hans Drechsel als Elektriker hatte sich dann einen Brennapparat gebaut und die Federn zugeschnitten. Vor allem Hans hatte ständig neue Ideen und die Sache vorangetrieben.“ Das Training fand zunächst im Garten von Harry Leuthäuser (gegenüber von Drechsels) statt. Auf dem Sportplatz, auf dem damals noch Großfeld-Handball gespielt wurde, trainierten die Bogenschützen erst später. Im Winter wurde nicht geschossen, sondern viel mehr am Material gebastelt, Scheiben wie beschrieben gebaut und alles für die kommende Saison vorbereitet. Die Möglichkeit, in der Schulturnhalle zu schießen, ergab sich erst in den Folgejahren. Erste Wettkämpfe gab es natürlich auch. Zur Kreismeisterschaft 1961 schrieb die „Volkswacht“ damals: „Den Sportfreunden von der BSG Stahl Maxhütte Könitz muss bescheinigt werden, dass sie die Meisterschaften gut vorbereiteten und organisierten.“ Ruth Drechsel und Joachim Körner gewannen bei den Erwachsenen, Andreas Müller wurde Schülermeister im Kreis Saalfeld.

Die Konkurrenz der weiteren Umgebung kam damals vor allem aus Jena, Gera, Pößneck und Lauscha. Im September 1961 bei den Bezirksmeisterschaften in Gera wurden Ruth und Hans Drechsel sowie Joachim Körner Bezirksmeister und belegten bei den Deutschen Meisterschaften in Strausberg schon gute Mittelplätze. Mit der Teilnahme am Werner-Seelenbinder-Fernwettkampf begann damals eine lange Tradition. Die guten Ergebnisse bedeuteten aber auch die Fahrkarten zum IV. Pioniertreffen nach Erfurt. „Und das“, weiß Jürgen Todtenhöfer noch, “war etwas ganz spezielles. In einem dreitägigen Sternmarsch ging es von drei Punkten aus nach Erfurt. Die Bogenschützen trafen sich in Arnstadt, übernachtet haben wir in Herbergen oder Schulen, das war damals ein Abenteuer für uns junge Burschen.“

Auch Erfolge über die Bezirksgrenzen hinaus stellten sich erstaunlich schnell ein. Winfried Maierhofer, Winfried Stanek und Jürgen Todtenhöfer wurden im September 1962 in Karl-Marx-Stadt DDR-Jugendmeister mit der Mannschaft, Maierhofer mit neuem Deutschen Rekord von 1394 Ringen in der Doppelrunde über die sog. „Sportfestrunde“ von 50/40/30m sogar Einzelmeister. Jürgen Todtenhöfer war mit 14 Jahren jüngster Teilnehmer der Meisterschaften. Die Jugendmannschaft mit ihrem Mannschaftsleiter Hans Drechsel bekam dafür die Ehrennadel der BSG Stahl Maxhütte verliehen. (Bild 2)


Bild 2
1962 – Die Deutschen Meister: Stanek, Todtenhöfer,Maierhofer

           mit Übungsleiter Hans Drechsel

1963 nahmen bereits 15 Könitzer Bogenschützen am DDR-offenen Frühjahrs-Fernwettkampf teil, die „Volkswacht“ schrieb damals: „Sehr zur Freude der Sektionsleistung waren auch die weiblichen Pioniere sehr gut. Die Schülerinnen Lingner, Falke und Sachse hinterließen als Neulinge auf dem 5. Platz den allerbesten Eindruck.“ Zu Pfingsten wurde auf Initiative von Ruth und Hans Drechsel auf dem Könitzer Sportplatz ein Vergleichskampf mit Jena, Glauchau, Leipzig, Lauscha, Halle, Steinbach-Hallenberg ausgetragen. In Görlitz wurde der 13jährige Karl-Heinz Jauch Deutscher Jugendmeister mit 1086 Ringen vor Andreas Müller, die Jugendmannschaft mit Jauch, Müller und Todtenhöfer gewann ebenfalls Gold. Die Damen mit Lilian Falke, Traudel Kaltofen und Ruth Drechsel schmückten sich mit Bronze. 1964 ging es wieder zu Pfingsten um den Wanderpokal der BSG Stahl Maxhütte. Bei den Deutschen Meisterschaften in Jena wurde Lilian Falke Sechste bei den Damen, Jürgen Todtenhöfer gewann Bronze bei Junioren und beide wurden in das Trainingslager der Nationalkader berufen. (Bild 3)





Bild 3
1965 – Der Nachwuchs ist der Stolz
der Sektion Bogenschießen

Erster FITA-Stern, WM-Teilnahme und Spartakiaden


Ein Jahr später holte sich Jürgen Todtenhöfer in Pirna den Deutschen Meistertitel bei den Junioren und erzielte dabei über die Doppelrunde 70/60/50/30 Meter 1522 Ringe. Auch die Juniorenmannschaft mit Todtenhöfer, Andreas Müller und Herbert Pomplun gewann Gold und schoss mit 3682 Ringen neuen Deutschen Juniorenrekord. Für seinen Meistertitel erhielt Jürgen Todtenhöfer die Einladung für einen Einsatz in der Nationalmannschaft bei einem internationalen Wettkampf mit Frankreich, Schweden, Polen, CSSR und Ungarn in Leipzig. Dort erzielte er persönliche Bestleistung von 980 Ringen und wurde für das Internationale Turnier in Lodz im September nominiert.


Und noch etwas gab es als Lohn für den Juniorenmeister-Titel: Vom DDR-Verband einen schwedischen Björn-Bengtson-Bogen und dazu einen Satz nagelneue 1816er-Alupfeile. „Das war genau am 01. Mai 1966 in Leipzig. Der Bogen war schwer, hatte 40 Pfund Auszugskraft und alles musste erstmal passend gemacht werden. Mein erster Wettkampf ging dann auch völlig daneben. Beim Turnier mit der Nationalmannschaft in Lodz (Polen) lief es dann schon wesentlich besser“, erzählt Jürgen Todtenhöfer von den damaligen Eindrücken. Es wurde noch besser: Mit gerade mal 18 Jahren wurde Jürgen Todtenhöfer bei den VIII. Deutsche Meisterschaften zur Platzeinweihung in Schlema vom 25.-28. August 1966 Deutscher Meister bei den Männern. Geschossen wurde damals eine doppelte FITA-Runde. Nach dem ersten Tag führte Todtenhöfer mit 1052 Ringen knapp vor Favorit Gerhard Specht (Horschlitt), wuchs aber in 2. FITA-Runde mit 1116 Ringen über sich hinaus und erfüllte mit diesem Top-Ergebnis als erster Könitzer auch die Norm für den schwarzen FITA-Stern für ein Ergebnis über 1100 Ringen. Dazu kam noch ein neuer Deutscher Rekord über 50m mit 288 Ringen. Dieser Titel legte den Grundstein für die WM-Nominierung im Folgejahr. Durch Karl-Heinz Jauch als Juniorenmeister gab es in der Bergarbeiterstadt einen zweiten DM-Titel für Könitz.

Für den DTSB-Kreisvorstand Saalfeld waren die Bogenschützen bis zur Wende immer zuverlässige Medaillen- und Punktelieferanten. 1967 bei der II. Bezirks-Kinder- und Jugendspartakiade in Gera eroberten die zehn nominierten Könitzer für den sog. „Grenzkreis“ 13xGold, 8xSilber und 4xBronze. Die Jugendmannschaft mit Doris Weihe, Monika Ludwig und Doris Michael holte sich in Leipzig den Deutsche Mannschaftsmeistertitel. (Bild 4)






Bild 4
1967 – Die Spartakiademannschaft



Höhepunkt 1967 war natürlich die WM-Teilnahme von Jürgen Todtenhöfer. In Amersfoort (Holland) belegte er als bester Schütze der DDR-Mannschaft den 57. Platz in der Einzelwertung. Mit 332 Ringen auf 30m schoss Todtenhöfer über die letzte der vier Entfernungen einen neuen Deutschen Rekord und erreichte einen beachtlichen sechsten Platz. Das DDR-Team wurde unter 31 teilnehmenden Ländern Fünfzehnter. „Bei der WM sahen wir damals die ersten Hoyt-Bögen, die heute mit Weltmarktführer sind. Die ersten Stabilisatoren waren eingeschraubte Metallkugeln. Den Klicker als akustisches Signal gab es damals noch nicht, die Auszugskontrolle erfolgte über Spiegel.“ Die Volkswacht war sich damals sicher: „Er wird unter den besten der Welt Wettkampferfahrungen sammeln, um dann vielleicht für 1972 das große Ziel zu erreichen, Teilnehmer der Olympischen Spiele zu sein.“ Bis 2003 sollte das aber die einzige WM-Teilnahme eines Könitzers bleiben. (Bild 5)











Bild 5
1967 – Jürgen Todtenhöfer



1968 war Bogenschiessen das erste und einzige Mal auch Bestandteil der DDR-Kinder- und Jugendspartakiade. Das Turnier der Bogenschützen bei der „II.“ wurde im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion (später „Stadion der Weltjugend“) mit 24 Teilnehmern aus dem Bezirk Gera ausgetragen, die Hälfte davon aus Könitz. Im Jungenwettbewerb gewann Hans-Jürgen Drechsel die erste Goldene für den Bezirk. Bei den Mädchen kam Sonja Müller auf Rang 4. Monika Ludwig holte Gold in der Jugendklasse und mit der Mannschaft. In den Zeitungen wurde ausführlich von der Spartakiade berichtet und die Bogenschützen hatten in deren Bezirksteil so viel Aufmerksamkeit wie selten zuvor. Der Sonderzug der Geraer Delegation wurde auf dem Saalfelder Bahnhof herzlich empfangen. Die Reporter schrieben von einem „ersten zaghaften Antrag für die Fahrkarten via Olympia 1972. Geehrt wurden auch die Trainer der jungen Bogenschützen, die Sportfreunde Hans Drechsel und Winfried Maierhofer, die die Voraussetzungen für diese Erfolge schufen.“ Durch die Maxhütte wurde ebenfalls ein festlicher Empfang für die jungen Sportler gegeben. Mit der Einstufung des Bogenschießens 1969 in die Kategorie II der zwar olympischen, aber weniger geförderten Sportarten ohne EM- oder WM-Teilnahme hatte sich das Thema München 1972 aber erledigt. Der politischen Entwicklung folgend, wurden aus „Deutschen Meistern“ zuerst „Deutsche Meister der DDR“, dann „DDR-Meister“.

Renate Jäger gewann 1969 bei der Bezirksspartakiade in Gera bei den Schülerinnen A die Goldmedaille und wurde Zweite bei der DDR-Meisterschaft in Sondershausen. Hans Drechsel und Bärbel Lingner wurden DDR-Meister bei den Schülern A und der Jugend. Die Sektion Bogenschiessen der BSG hatte zu der Zeit 41 Mitglieder. Die Nachwuchsmannschaften mit Hans Drechsel, Hubert Müller, Peter Neumann und Bert Rißmann (Schüler A) sowie Monika Ludwig, Doris Weihe, Vera Sachse und Bärbel Lingner (Jugend) wurden DDR-Meister. Die „Volkswacht“ hatte den Grund für die vielen Erfolge ausgemacht: „Verfolgt man den raschen Aufstieg der Sektion, so muss sogleich Ruth Drechsel genannt werden. Sie betreut vom ersten Schuss an jeden ihrer Schützlinge aufopferungsvoll mit gleicher Liebe und Fürsorge.“


Durch ein Unwetter im Frühjahr stand der Sportplatz in Könitz unter Wasser, alte Quellen waren wieder aufgebrochen. Wettkämpfe konnten deshalb in Könitz nicht mehr stattfinden. Man wich nach Kamsdorf aus, wo auch die Bezirksmeisterschaften ausgetragen wurden. „Für das Training haben wir aber immer ein trockenes Plätzchen  auf dem Sportplatz gefunden“, blickt Jürgen Todtenhöfer in diese Zeit zurück.


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